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Fußball in Bulgarien

Klub der toten Präsidenten

Fußball in... BulgarienPlovdiv. Bei Erfolgen wenig gefragte Gesprächspartner, bei Niederlagen in akuter Erklärungsnot – einen Fußballverein zu leiten, ist kein Vergnügen. Schon gar nicht im bulgarischen Plovdiv. Das Führungspersonal des dortigen Erstligisten Lokomotive hat ein vergleichsweise kurzes Leben und stirbt nur selten eines natürlichen Todes.

Zweimal blendet das Fernlicht auf. Das vereinbarte Zeichen. Es ist kurz nach Mitternacht. Keine Laterne – gibt es hier so etwas überhaupt? – leuchtet, kein Fernseher schimmert im Fenster, kein Licht dringt aus den Wohnungen. Kein Lebenszeichen. Totenstille. Nur ein einsamer BMW wartet mit laufendem Motor in der Finsternis. Plötzlich: ein Schatten am anderen Ende der Straße. Der schwere Wagen setzt sich in Bewegung und gleitet langsam vorwärts. Abrupt bringt Viktor das Fahrzeug zum Stehen; die Tür öffnet sich, ein kurzer Händedruck, einige hastige Worte und schon hat der 25-Liter-Kanister mit schwarz gebranntem Schnaps den Besitzer gewechselt. Routine, wie es scheint. Einige Kurven weiter liegt das Sofiaer Zentrum bereits hinter uns. Auf der Stadtautobahn geht es in Richtung Plovdiv. Krumme Geschäfte – soviel ist klar – gehören in diesem Teil Europas zur Überlebensstrategie. Wer will den Menschen die Kungeleien verdenken? Das Durchschnittseinkommen beträgt lediglich ein Drittel des entsprechenden EU-Werts. Gleichzeitig liegt die Inflationsrate deutlich über 10 Prozent. Da bleibt wenig Platz für Moral und erhobene Zeigefinger. Eine wichtige Erkenntnis, um Bulgarien verstehen zu können. Jeder versucht, sich auf seine Weise zu behaupten. Gesetze, die dabei stören, werden schlicht ignoriert. Bei den kleinen und erst recht bei den großen Geschäften.

Die Stadtgrenze ist gerade erreicht, als sich dichter Nebel über die Landschaft legt. Immer undurchdringlicher wird der wabernde Brei. Schließlich verschwinden sogar die Rückleuchten des Vordermanns. Selbst Viktor, der auf der 150 km langen Strecke jede Kurve zu kennen scheint, reduziert jetzt das Tempo. Immerhin bietet die zusätzliche Reisezeit Anlass, einige grundsätzliche Dinge zu besprechen. Zum Beispiel die Ursachen der beängstigenden Todesserie in der Vorstandsetage von Lokomotive. Georgi, Fußballfan und gut vertraut mit der jüngeren Vereinsgeschichte, hat dafür eine einleuchtende Erklärung: „Cosmic Energy.“ Aha, Strahlen aus dem All also. Eine Metapher, mit der der feinsinnige Zyniker etwas ganz anderes ausdrücken will, und das ist die zweite elementare Erkenntnis der vergangenen Stunde: Nicht alles, was in diesem merkwürdigen Land geschieht, lässt sich mit herkömmlichen Maßstäben beurteilen. Lieber erst gar nicht versuchen, nach Gründen zu suchen. Es ist eben so wie es ist. Fatalismus als Lebensphilosophie – weshalb man in Bulgarien entweder viel Gelassenheit oder mehr Mut braucht als anderswo.

Unerschrocken wirkt Galia Topalova nicht gerade. Eher schüchtern und scheu. Ob die Präsidentin von Lokomotive Plovdiv überhaupt weiß, worauf sie sich eingelassen hat? Falls ja, käme man nicht umhin, die zierliche junge Frau für ihren Todesmut zu bewundern. Hat sie doch nur noch wenige Monate zu leben. Statistisch gesehen wird sie im November dieses Jahres sterben. Vermutlich im Auto oder Restaurant sitzend, tödlich getroffen von mehreren Kugeln, abgefeuert aus nächster Distanz. Die bestürzten Kommentatoren werden anschließend von einer Hinrichtung sprechen und die Täter nie gefasst werden – genau so wie bei ihren Vorgängern Georgi Iliev und Alexander Tassev. Beide beendeten ihre Amtszeit nach durchschnittlich 13 Monaten mit diversen Löchern in lebensnotwendigen Körperteilen. Bei Iliev kamen die Killer im Schutz der Dunkelheit. Bei Tassev brauchten sie keine Überstunden zu machen. Ihn erwischte es am helllichten Tag. Noch dazu in Bojana, einem Nobelvorort von Sofia. Dort, in der Hauptstadt, kam 2005 auch Nikolai Popov, ein weiterer ehemaliger Lokomotive-Präsident, ums Leben. Ebenfalls im Kugelhagel von Auftragsmördern.

Lokomotive im Kugelhagel

Bereits die neunziger Jahre waren für die Führungsmannschaft der Schlümpfe – so der offizielle Kosename des Vereins – äußerst verlustreich. Im März 1998 wurde das frühere Vorstandsmitglied Petar Petrov unsanft ins Jenseits befördert. Ein Schicksal, das seinen Kollegen Georgi Kalapatirov schon 1995 ereilte. Diagnose: Kopfschuss. Im selben Jahr kam mit Georgi Prodanov ein weiteres Vorstandsmitglied bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben. Die Liste ließe sich beliebig um ähnlich tragische Beispiele ergänzen. Insgesamt fielen in Bulgarien seit 1993 mehr als 200 Personen Anschlägen zum Opfer – unter ihnen 15 Präsidenten von Fußballvereinen. Ernüchterndes Fazit: Mord und Totschlag sind zwischen Westbalkan und Schwarzmeerküste so alltäglich wie andernorts Müllabfuhr und Postzustellung. Kaum verwunderlich, ist die Aufklärungsquote bei Gewaltverbrechen dort traditionell noch niedriger als der Stimmenanteil der Grünen bei Landtagswahlen in Brandenburg. Herrliche Arbeitsbedingungen für Kriminelle jeglichen Kalibers.

Die überschaubare Halbwertzeit bulgarischer Vereinspräsidenten hat indes nur wenig mit sportlicher Rivalität zu tun. Unmittelbare Ursache für das muntere Schießen ist vielmehr die beispiellose Allianz zwischen Spielfeld und Unterwelt. Doncho Donev, Sportjournalist der in Plovdiv erscheinenden Tageszeitung „Mariza“ erklärt das so: „Bis 1989 wurde der Sport vom Staat finanziert. Als diese Zahlungen ausblieben, füllten zwielichtige Gestalten die Lücke und machten sich fast flächendeckend in den Vereinen breit.“ Viel Gegenwehr hatten sie dabei nicht zu befürchten. Im Gegenteil; Oft spazierten die halbseidenen Herrschaften auf einem roten Teppich ins Vereinsheim. Auf der einen Seite ambitionierte Klubs, die Habenzinsen für ein unerfülltes Versprechen des Kapitalismus halten. Auf der anderen Seite im kollaborierenden Kommunismus groß gewordene Neureiche, die nicht wissen wohin mit dem Schwarzgeld. Beides passt zusammen wie Bonnie und Clyde – und endet trotz finanzieller Synergien mitunter ebenso tragisch. Denn: Streit im Milieu hat fast zwangsläufig Lücken im Vereinspräsidium zur Folge. Solange Meinungsverschiedenheiten in Bulgarien, dem ärmsten aller 27 EU-Staaten, bevorzugt mit der Waffe geklärt werden, besteht nur geringe Hoffnung auf Besserung.

Unverändert groß ist dagegen die Versuchung, König Fußball zur Steigerung der eigenen Bekanntheit zu nutzen. Wer seinen Namen gern in der Zeitung liest, kommt so nach wie vor am schnellsten zum Ziel. „In Plovdiv, der zweitgrößten Stadt des Landes mit insgesamt vier Profiteams – den Erstligisten Lokomotive und Botev sowie Spartak und Mariza – gilt das noch mehr als anderswo“, erklärt Donev. Wobei „Loko“ über den in diesem Zusammenhang eher zweifelhaften Vorteil verfügt, die meisten und treuesten Anhänger zu haben. So veranstalteten 40.000 Menschen auf einem Platz im Stadtzentrum 2004 eine grandiose Meisterschaftsfeier. Und als die Schwarzweißen im folgenden Jahr ein UEFA-Pokal-Heimspiel mangels geeigneter eigener Spielstätte im rund 250 Kilometer entfernten Burgas austragen mussten, wurden sie von 15.000 Fans begleitet. Wie das leuchtendste Licht in finsterster Finsternis zieht der Verein die Motten an. Manche sogar von weither. Die toten Präsidenten Iliev und Tassev stammten beispielsweise aus Kjustendil, einer entfernten an der Grenze zu Mazedonien gelegenen Kleinstadt.

„Es wurde kein Unterschied gemacht, wo das Geld herkam“, beklagt auch Christo Bonev, dass sich viele Fußballvereine nur allzu bereitwillig fragwürdigen Figuren mit dicker Brieftasche öffneten. Der einstige Weltklassestürmer und immer noch amtierende Rekordtorschütze der bulgarischen Nationalelf hat sich vorgenommen, diesen Zustand zumindest in seinem Stammverein Lokomotive Plovdiv zu beenden. Mit allen Vollmachten ausgestattet kann der Generalmanager dabei auf etwas bauen, was in seiner Heimat längst nicht jeder hat: eine blütenweiße Weste, einen untadeligen Ruf und ein makelloses Image. Vielen gilt der Träger des höchsten bulgarischen Ordens und zweifache Ehrenbürger seiner Geburtsstadt als letzte moralische Instanz in einer Gesellschaft, deren Respekt vor Recht und Gesetz eher schwach ausgeprägt ist. Hilfreich dürften auch seine guten Kontakte zu führenden Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft sein. Selbst mit dem zwölften Mann auf Wolke sieben verbindet ihn ein herzliches Verhältnis. Bonev: „Keine Frage, Gott ist Loko-Fan. Nach jeder Katastrophe kam irgendwo die Rettung her.“ Himmlischer Beistand wird womöglich auch nötig sein, wenn der Verein wieder zu dem werden soll, was ihn landesweit einst zu einem der sympathischsten gemacht hat: zum erfolgreichen Rivalen und Gegenpol der verhätschelten Hauptstadtklubs ZSKA, Levski und Slavia.

Christo, Gott und Galia

Bei der wirtschaftlichen und sportlichen Konsolidierung vertraut Bonev jedoch vorerst auf irdische Kräfte. Nicht Gott, sondern Galia soll’s richten. Über die derzeitige Präsidentin weiß der 60-Jährige nur Gutes zu berichten. Vor allem: „Ihre Geschäfte sind sauber.“ Dasselbe hat er allerdings auch schon von Tassev behauptet –  und der stand ebenso wie Popov und Iliev im Verdacht, kräftig mit der Mafia gekungelt zu haben. Neben Bestechung, illegalen Gasexporten, unlauteren Immobiliengeschäften und Stimmenkauf bei Wahlen soll es dabei auch um Drogenhandel gegangen sein. In eine dieser unappetitlichen Affären war offensichtlich auch Ivan Tschomakov, von 1999 bis 2007 Bürgermeister Plovdivs, verstrickt. Zwar begründete er seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur mit mangelnder politischer Unterstützung, doch nicht nur auf Seiten der Opposition wird offen über Verfehlungen im Amt spekuliert. Seit der Wahl im vergangenen Jahr regiert jedenfalls Slavcho Atanasov die 370.000-Einwohner-Stadt. Der neue Amtsinhaber ist zwar Anhänger des Lokalrivalen Botev, den Plänen der Schlümpfe, das Stadion zu modernisieren und den angrenzenden Vergnügungs- und Erholungskomplex Lauta Park zum zweiten Standbein zu entwickeln, steht er dennoch mehr als aufgeschlossen gegenüber. So erklärte er sich kürzlich bereit, einer 20-Prozent-Beteiligung der Stadt am Verein zuzustimmen. Bis März soll der Deal besiegelt sein, im Juni dann der Umbau beginnen. Es wäre der erste sichtbare Erfolg für das Duo Bonev & Tapalova. Noch dazu ein völlig legaler.

Ob es Galia Topalova tatsächlich gelingt, länger als ihre Vorgänger am Leben zu bleiben? Zumindest fällt es schwer, ihr mafiose Machenschaften zu unterstellen. Verfliegt beim Anblick der 36-Jährigen doch augenblicklich jeder Gedanke an krumme Geschäfte. So unschuldig, treuherzig und unbekümmert schaut sie in die Welt, dass man ihr nicht einmal absichtliches Falschparken abnehmen würde. Dennoch: Die junge Dame hat nicht nur Freunde. Das verdeutlicht die Posse um ihren Lebens- und Geschäftspartner, den türkischen Unternehmer Zeki Bajram. Dieser besitzt nicht nur ein florierendes Hotel an der Schwarzmeerküste, sondern auch einen bedeutenden Abfüllbetrieb für Mineralwasser, die größte Busgesellschaft des Landes und ein Drittel des Busbahnhofs in Sofia (ein weiteres Drittel gehört pikanterweise Grisha Ganchev, dem Eigentümer des Erstligisten Litex Lovetsch). Nach der Ermordung Tassevs hatte Bajram zusätzlich das vakante Präsidentenamt übernommen. Ebenso schnell wie der vermeintliche Retter erschienen war musste er jedoch auch wieder verschwinden. Zu groß waren die Vorbehalte der Fans. Vor allem die Ultras, die sich mit dem Wahlspruch des preußischen Königshauses und der Wehrmacht – „Gott mit uns“ – schmücken, wollten keinen Osmanen als Repräsentanten. Offensichtlich liegt den jungen Männern die fast 500jährige türkische Herrschaft auf dem Balkan immer noch schwer im Magen. Ob nun historisch, rassistisch oder anders motiviert, nach der Ernennung Bajrams verließ die Gruppe demonstrativ ihren angestammten Platz auf der Gegengeraden. Erst seitdem seine bulgarische Freundin auf dem Chefsessel sitzt, herrschen auf den Rängen wie im Verein wieder Ordnung und Frieden. Oberflächlich zumindest. Hinter den Kulissen entbrannte dagegen ein heftiger Streit über den Wert einer Präsidentin, die lediglich als Platzhalter fungiert.

Wie aufschlussreich wäre es, Galia Topalova zu all den kuriosen Vorgängen zu befragen. Doch hat sie wirklich etwas zu sagen? Während der Partie gegen Spartak Varna sieht es nicht danach aus. In einem Besprechungsraum diskutieren mehrere Personen – unter ihnen ein englischer Spielervermittler – über moderne Scoutingsysteme, „Lokos“ brasilianischen Mittelfeldmotor Daxon Da Silva und die goldenen Zeiten der bulgarischen Nationalelf. Alle reden, eine schweigt. Teilnahmslos verharrt Galia Topalova auf ihrem Platz. Fremdsprachen sind ihr ebenso fremd wie Fußball. Gebraucht wird ohnehin nur ihr Gesicht. Was andernorts kaum vorstellbar ist, scheint für die Präsidentin von Lokomotive Plovdiv die einzig wirksame Lebensversicherung zu sein. Warum sollte die Mafia eine ahnungslose Marionette erschießen?



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