Nicht-ohne-meinen-Ball.de
Banner
Home | Aktuell | Profil | Spielberichte | Fußball in ... | Kreisliga | Fotogalerie | Links | Impressum | Suche
Fußball auf Kuba

Im Schatten der Revolution

Fußball auf... KubaHavanna. Nach 50 Jahren karibischem Kommunismus ist Kuba dem Sterbebett näher als der klassenlosen Gesellschaft. Vom ewigen Sieg spricht jedenfalls außer der Führung in Staat und Partei kaum jemand mehr. Nicht einmal mit dem Fußball geht es aufwärts – trotz deutscher Hilfe.
 
Windschiefe Wellblechbaracken ohne Fenster, Heizung und Kanalisation. Verfallene Industriekulissen durch die der Wind pfeift – ein tristes Ensemble aus zerbrochenen Fenstern, bröselndem Beton und rostendem Stahl. Hungernde Kinder mit dicken Bäuchen, zerbrechlichen Gliedern, großen weit aufgerissenen Augen. Hart – noch besser: brutal – müssen heutzutage Bilder sein, wenn sie die Botschaft von Armut, Not und Elend transportieren. Je spektakulärer umso besser. Dabei sind die einfachen Szenen, die ohne großes Getöse auskommen, viel eindrucksvoller. Entscheidend ist nicht die Stärke des Reizes, sondern die Dauer der Wirkung. Und so kehrt sich der Trend allmählich um. Paradox: Die Flut der Skandale, die Banalität des Extremen, erhebt das Alltägliche zum Besonderen. Zum Beispiel die Geschichte von Héctor und Pedro.

Als sich die Augen an die Dunkelheit auf den Straßen Havannas gewöhnt haben, und das dichte Schwarz langsam Konturen annimmt, erkennt man einen mit Pfützen übersäten Parkplatz und eine schlammige Auffahrt. Im Hintergrund erhebt sich ein flaches Gebäude, an dem das Regenwasser in breiten Bächen herabstürzt. Einige Leuchtbuchstaben an der Fassade flackern nervös auf – bis sie schließlich gar kein Lebenszeichen mehr von sich geben. So wie die anderen, die sich schon seit längerer Zeit ihrer Bestimmung verweigern. Offensichtlich unbemerkt und ohne die geringste Anteilnahme ihres Besitzers. Und so etwas, möchte man meinen, ist doch ein Jammer. Aber es ist das Nationalstadion Pedro Marrero in der Avenida 51. Um die Pflege des Rasens – ein botanisch kaum zu klassifizierendes, breitblättriges, stumpfes Kraut, das jeder Mannschaft den Spaß am schnellen Direktspiel nimmt – kümmern sich Héctor und Pedro. Beide haben ein Problem. Héctor hat einen Rasenmäher, aber keinen Fangkorb. Schwungvoll fliegt das frisch geschnittene Grün auf das Spielfeld, wo es unter sengender Sonne darauf wartet, zusammengeharkt, aufgetürmt und in einem großen Pappkarton abtransportiert zu werden. Und Pedro? Sein Rasenmäher hat zwar einen Fangkorb, aber der Fangkorb keine Halterung. Ein gebogener Draht, der bei jedem Entleeren mühsam entfernt und wieder angebracht werden muss, ersetzt das fehlende Bauteil. Weil Rasenmähen für Héctor und Pedro somit aus unterschiedlichen Gründen eine höchst anstrengende Tätigkeit ist und alles irgendwie mit allem zusammenhängt, hat auch Reinhold Fanz ein Problem. Entweder steht der kubanische Nationaltrainer knöchelhoch im Grün oder er versammelt seine Mannschaft auf der anderen Seite des Platzes. Dort, wo Héctor mit dem Grasschnitt eine Reihe stattlicher Hügel geformt hat. Ideal ist beides nicht.

Spätestens nach der ersten Übungseinheit dürfte sich der desillusionierte Deutsche gefragt haben, was wohl schlimmer ist: Rasenmähen ohne Fangkorb oder Taktikschulung zwischen Grashaufen und harkenden Hausmeistern. Vielleicht hat er auch kurz darüber nachgedacht, ob die Trainerstelle bei Amicitia Viernheim noch frei ist oder warum der kubanische Fußballverband nur über zwei klapprige Rasenmäher verfügt. Abhilfe könnte ein Trainingsplatz schaffen. Oder ein Aufsitzmäher, wie er tausendfach in den üblicherweise üppig ausgestatteten Geräteschuppen deutscher Bezirksligisten parkt. Beides gibt es jedoch in der 2-Millionen-Einwohner-Metropole Havanna nicht – was die ganze Sache irgendwie noch trauriger macht.

Luis Villegas schaut ungläubig auf den Rasen. Sind das tatsächlich seine Füße? Dieselben, mit denen er gestern Abend zu Bett gegangen und heute Morgen aufgestanden ist. Warum gehorchen sie ihm dann nicht? Warum kommen die Pässe nicht an und warum macht der Ball was er will? Liegt es daran, dass der Nationalspieler heute zum ersten Mal Schuhe mit Stollen trägt?

Vor dem WM-Qualifikationsspiel Anfang September gegen die USA, dem ersten Aufeinandertreffen der beiden politischen Erzrivalen auf kubanischem Boden seit 61 Jahren, erlebte das Drama noch eine Steigerung. „Angesichts des Gegners und der TV-Live-Übertragung sollte das Spielfeld geschont werden. In der entscheidenden Phase der Vorbereitung konnten wir deshalb nur Steigerungsläufe auf den Stadiontreppen oder Übungen auf der Tartanbahn machen“, wundert sich Fanz über die Prioritäten der Kubaner. Dabei hatte Verbandspräsident Luis Hernandez im Vorfeld beteuert: „Die Amerikaner sind auch nur Fußballer. Das Spiel gegen die USA ist deshalb völlig normal – zumindest für uns.“ Was schon deshalb nicht sein kann, weil im sozialistischen Kuba nichts normal ist sobald es um die „imperialistischen Yankees“ geht. 35 Jahre Ausbeutung durch die von den Vereinigten Staaten unterstützten Diktatoren Machado und Batista, ein seit 47 Jahren andauerndes Wirtschaftsembargo, dazu der Angriff in der Schweinebucht, diverse Attentate auf den máximo líder Fidel Castro und schließlich Guantánamo, das Sinnbild der amerikanischen Provokation direkt vor der eigenen Haustür – all das hat im Bewusstsein vieler Kubaner tiefe Spuren hinterlassen. Mehr als 10.000 wollten deshalb das Duell mit den yanquís sehen. Trotz Sturm und Regen. Die vorige Begegnung gegen Trinidad & Tobago verfolgten bei weit angenehmeren Bedingungen lediglich 1.800 Interessierte.

Kuba hat knapp verloren. 0:1, durch einen dilettantischen Querschläger in der Abwehr. Co-Trainer Roberto Hernández schimpft in perfektem Deutsch: „Einem Oberliga-Spieler passiert so etwas nicht. Unsere Sportler müssen ins Ausland, um sich dort weiterzuentwickeln sonst kommen wir nie voran.“ Doch wie soll das gehen? Reisefreiheit ist im freien Kuba nicht vorgesehen. Auslandsreisen sind verboten. Zu groß ist die Gefahr, dass die Genossen den Reizen des Kapitalismus erliegen. Also müsste man erst die Lebensbedingungen in der Heimat verbessern. Wozu die Aufhebung des US-Embargos notwendig wäre. Was demokratische Reformen auf Kuba voraussetzt. Welche nicht möglich sind so lange der greise Revolutionär Fidel die politische Richtung bestimmt. Weshalb immer wieder Fußballer von der Zuckerinsel flüchten. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Und alles ist Politik.

Nein, über Politik will Reinhold Fanz lieber nichts sagen. Verständlich. Verkörpert der gebürtige Mannheimer doch den Prototyp dessen, was man heute altmodisch „eine ehrliche Haut“ nennt – akribisch bis ins Detail, uneitel, pflichtbewusst. Hätte er sich nicht dem Fußball verschrieben, wäre er bestimmt Finanzbeamter geworden. Oder Bäckermeister. Bei ihm geht es korrekt zu. Kein Wunder, dass Menschen wie Fanz alles Politische als suspekt, ja geradezu als unanständig erscheinen muss. Dennoch: Auch wenn er versucht, sich die unangenehme Thematik vom Hals zu halten, gänzlich ignorieren kann er sie nicht. Schon gar nicht auf Kuba, wo die Parole „Sozialismus oder Tod“ ebenso mit Hingabe gepflegt wird wie das Andenken an Che Guevara und der Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus. So ist mit einem kubanischen Visum im Pass die Einreise in die Vereinigten Staaten nicht gestattet. Pech für Fanz, der deshalb vor dem Rückspiel gegen die USA einige lästige Behördengänge zu erledigen hatte. Andererseits garantiert ein kubanischer Ausweis Flüchtlingen im gelobten Land eine Reihe von Sonderrechten, die sie von anderen Einwanderern unterscheiden. Angefangen von finanzieller Unterstützung über den einfacheren Zugang zum Arbeitsmarkt bis hin zum schnellen Erwerb der amerikanischen Staatsangehörigkeit. Während die USA quer über den Kontinent einen Tausende Kilometer langen Schutzzaun bauen, um Immigranten aus Mittel- und Lateinamerika vom Grenzübertritt abzuhalten, locken sie Flüchtlinge aus Kuba mit allerlei Vergünstigungen ins Land. Logisch ist das nicht. Soll es wohl auch nicht sein. So ist eben Politik.

Eine der Folgen ist, dass kubanische Sportler Aufenthalte im Nachbarland gerne dazu nutzen, dem Vaterland adiós zu sagen. Beim Qualifikationsturnier für die olympischen Spiele in Peking ging es Anfang des Jahres besonders kurios zu: Kubas U-23-Nationalmannschaft musste ihre Partie in Tampa (Florida) gegen Honduras von Beginn an in Unterzahl bestreiten – gleich sieben Spieler hatten den Gastgeber zuvor um politisches Asyl gebeten. Auch Maykel Galindo, der derzeit wohl bekannteste kubanische Kicker, nutzte einst die Chance zur Flucht. Der 27Jährige Stürmer, der in der vergangenen Saison 13 Tore für CD Chivas in der amerikanischen Major Soccer League erzielte, setzte sich während des Gold Cups 2005 von der Mannschaft ab. Ihm folgten zwei Jahre später Osvaldo Alonso und Lester Moré. Letztgenannter hatte es zuvor in 60 Länderspielen für Kuba auf bemerkenswerte 29 Treffer gebracht. „Insgesamt spielen 16 der derzeit besten Kubaner in den USA“, bedauert Fanz den Aderlass seiner Auswahl. Aufhalten kann er ihn nicht. Das kann nur die Politik.

Reinhold Fanz bittet seine Schützlinge zur Spielanalyse. Doch der Besprechungsraum ist abgeschlossen, der Schlüssel verschollen. Also findet die Ansprache in der Hotellobby statt. Im Hintergrund klingeln Telefone und rattern Registrierkassen. Eine Touristin mit hochhackigen Schuhen, knappem Rock und tiefem Dekolleté starrt fasziniert auf die Gruppe durchtrainierter junger Männer.

„Freundschaft“, dieses Wort hört man häufig, wenn Hans-Robert Viol über Kuba spricht. Und aus seinem Mund klingt es nicht einmal abgegriffen. Der Bonner Unternehmer mit schweizerischem Wohnsitz gehört zu der Generation, für die Freundschaft noch etwas Ernstes ist. Etwas, das mit Aufrichtigkeit und Vertrauen zu tun hat. Nicht mit dem oberflächlichem Gerede der Bussi-Gesellschaft, das bereits nach dem zweiten Prosecco vergessen ist. „Freunde lässt man nicht im Stich“, erklärt er und unterstreicht damit, dass sein Engagement für den kubanischen Fußball langfristig angelegt ist. Und der hat tatsächlich nichts nötiger als Hilfe. „Die Infrastruktur fehlt fast völlig. Ausgebildete Trainer gibt es ebenso wenig wie Trainingsplätze, Sportausrüstung und ein funktionierendes Verbandswesen. Unterhalb der ersten Liga existieren nur Provinzmeisterschaften, die drei bis vier Monate dauern. Den Rest des Jahres widmen sich die Spieler anderen Dingen“, zählt Viol einige Missstände auf. Über die Art seiner Unterstützung kann man nur spekulieren. Angesichts der Devisenknappheit der Kubaner dürfte es dabei aber um finanzielle Zuwendungen gehen. Mehr ist nicht zu erfahren („Über Finanzen rede ich nicht“), doch wird berichtet, dass Viol nicht nur das Gehalt des Nationaltrainers vom eigenen Konto bezahlt.

Die Leidenschaft des 61Jährigen für den fútbol cubano entflammte bereits vor zehn Jahren. Genauer: am 16. Mai 1998, dem 34. Spieltag der Regionalliga West/Südwest. Damals siegte der FSV Salmrohr bei Eintracht Trier sensationell mit 3:2 und verurteilte den Bonner SC in letzter Sekunde zum Abstieg. BSC-Präsident Viol witterte Verrat, prozessierte, verlor und fasste einen revolutionären Enschluss: Eine Eliteeinheit aus Havanna sollte die geschwächte BSC-Truppe wieder auf Vordermann bringen. Zunächst wurden fünf Kubaner verpflichtet. In der folgenden Saison sollte die komplette Nationalmannschaft folgen – eine Beschränkung für Nicht-EU-Ausländer gab es in der Oberliga damals noch nicht. Die Spielerpässe waren bereits ausgestellt, als der damalige Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes auf Druck des DFB seine Zusage zur Erteilung der notwendigen Visa widerrief. Castros Kicker blieben auf Kuba, der karibische Traum am Rhein war ausgeträumt, der FC Fidel Geschichte. Geblieben ist BSC-Boss Viol die tiefe Verbundenheit mit Kuba. Eine Empfindung, die jeder verstehen kann, der einen Spaziergang in Havanna Altstadt unternimmt.

Wenn man zwischen sechs und sieben Uhr abends die Uferstraße Malecón entlang schlendert, die Euphorie des Tages in seiner schönsten Stunde genießt, wenn sich die Sonne über einem indigoblauen Meer rötet, zwischen Wolken, die das Ganze manchmal verderben, weil durch sie das Blau des Wassers purpurn wird, wenn man die kühle Abendluft im Gesicht spürt, die über die Brandung streicht und langsam in die Häuser und Straßen vordringt, dann wünscht man diesem geschundenen Land nichts sehnlicher als eine glückliche Zukunft. Zum Beispiel die Teilnahme an der nächsten Fußball-WM. Oder irgendetwas anderes, das den Menschen Hoffnung gibt. Einen Sieg über die USA. Einen Herbst ohne Hurrikan. Einen Tag ohne Stromausfall. Zumindest jedoch einen neuen Rasenmäher für Héctor und Pedro. Einen mit Fangkorb.
 
 
© 2007 - 2008 COCUYO Medien-Design