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Fußball in Belgien

Ohne Bart kein Erfolg

Fußball in... BelgienLier/Lokeren. Rubens hat sie verehrt. Brel hat sie in seinen Chansons besungen. Ganze Generationen belgischer Künstler haben sie in kräftigen Farben auf Leinwand gebannt: die schönen flämischen Barockbauten. Allen voran die in Brügge, Antwerpen und Gent. Doch der Schein trügt. Abseits der touristischen Zentren geht es eher traurig zu. Reisende sind deshalb bestens beraten, ihren Aufenthalt in Belgien auf das Nötigste zu beschränken. Da passt es gut, dass sich die Größe des Landes in Grenzen hält. Nur 180 Kilometer sind es von Nord nach Süd, von Turnhout nach Tournai. Umgerechnet gut anderthalb Stunden Autobahnfahrt. Dann hat man es geschafft. Hat langweilige Landschaften, heruntergekommene Höfe und sterbende Städte hinter sich gelassen. Ist der Depression entkommen.

Kaum vorstellbar, dass die Notgemeinschaft der Flamen und Wallonen vor nicht allzu langer Zeit zu Europas Elite zählte – wenn auch nur auf dem Fußballfeld. So erreichte der RSC Anderlecht von 1976 bis 1978 dreimal in Folge das Finale des Pokalsieger-Cups. Kurze Zeit später wurde die Nationalmannschaft Vize-Europameister; 1986 Vierter der WM. Der größte Coup folgte im Jahr darauf: Ohne eine einzige Niederlage stürmte der Provinzklub KV Mechelen zum Gewinn des Pokalsieger-Wettbewerbs. Das 1:0 im Finale gegen den haushohen Favoriten Ajax Amsterdam war jedoch nicht nur der siebte Sieg im neunten Spiel, sondern auch der vorerst letzte Triumph einer belgischen Mannschaft auf europäischer Bühne. Was dann folgte, war der Absturz ins sportliche Niemandsland.

Theorien über die Gründe der Talfahrt gibt es ungefähr so viele wie freie Plätze in den Stadien der Jupiler League. Also mehr als genug. Eine geht so: Hätten die belgischen Kicker nicht irgendwann angefangen, sich zu kämmen und zu rasieren, wären sie heute noch genauso erfolgreich wie früher. Und tatsächlich: Was die bewunderten Balltreter der siebziger und achtziger Jahre mehr als alles andere von ihren glücklosen Nachfahren unterscheidet, ist ihr Äußeres. Damals sahen die „Roten Teufel“ tatsächlich aus wie leibhaftige Abgesandte der Hölle. Vandereycken, Vandenbergh, Gerets – das waren baumlange Kerle mit wildem Schopf, finsterem Blick, funkelnden Augen und wüster Wolle im Gesicht. Alleine durch ihr Aussehen konnten sie Strafstöße ins Seitenaus, Gegenspieler ins Abseits und Flanken ins Nirwana lenken. Und wenn das alles nicht half, zumindest den Schiedsrichter in Angst und Schrecken versetzen. Heute dagegen? So lieb schauen van Buyten, Sonck und Mpenza, dass man sie sofort adoptieren möchte. Aufregung will sich bei ihrem Anblick jedenfalls nicht einstellen. Und Furcht schon gar nicht.

Auch sonst hat sich in Belgien vieles verändert. Leider nicht immer zum Besten. So ist der Anteil ausländischer Akteure in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Ergebnis mangelhaften Managements und bedenklicher Bequemlichkeit bei Trainern und Sportlichen Leitern: Statt eigenen Nachwuchs zu fördern, setzen die Klubs lieber auf billige Profis aus Osteuropa oder Übersee. Paradebeispiel ist der KSK Beveren. Nur drei Einheimische stehen im 23-köpfigen Aufgebot des flämischen Erstligisten. Dafür aber nicht weniger als 17 Afrikaner. Jüngst brachte der Verein das Kunststück fertig, zur Partie gegen den VC Westerlo mit neun Spieler aus der Elfenbeinküste anzutreten. Die übrigen beiden kamen aus Mali und dem Kongo. Kein Wunder, dass es vielen Mannschaften an Talenten mangelt.

Kreativität und Engagement – Tugenden, die ihnen bei ihrer eigentlichen Arbeit nur allzu oft fehlen –, zeigen einige Verantwortliche umso häufiger nach Feierabend. Vor allem dann, wenn es um die illegale Aufbesserung ihrer Einkommen geht. Musste die Wettmafia in Deutschland noch mühsam einzelne Spieler, Funktionäre und Schiedsrichter gefügig machen, hatte sie es in Belgien deshalb viel einfacher. Dort ließen sich gleich ganze Klubs kaufen. Ein Anruf beim Präsidenten genügte, und schon stand das gewünschte Ergebnis fest. Praktisch. Und noch dazu ohne jedes Risiko.

Wettskandal, verpasste WM-Qualifikation, Inflation der Legionäre, fehlende Wettbewerbsfähigkeit. Angesichts der deprimierenden Realität wenden sich viele Belgier enttäuscht vom Fußball ab. Oder sie flüchten sich in Erinnerungen an die Vergangenheit. Wer will es ihnen verdenken? Dabei liegt die Lösung aller Probleme in greifbarer Nähe. Würde es doch genügen, den Roten Teufeln ihr gefürchtetes Aussehen zurückzugeben. Van Buyten mit Bart – das wäre Lucio, Gattuso und Alpay in einer Person. Mehr Abschreckung geht nicht. Und wer es trotz langer Mähne und stoppeligen Gesichtsschmucks nicht zum Starkicker schafft, könnte ja immer noch Maler werden. So wie Rubens, der nach wie vor berühmteste aller (bärtigen) Belgier.


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