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Fußball in Österreich

Kraft durch Dosen

Fußball in... ÖsterreichSalzburg. Geschichte wiederholt sich nicht – von wegen. 70 Jahre nachdem ein Österreicher antrat, die Welt im Sturm zu erobern, macht sich jetzt ein Landsmann daran, es dem Verrückten aus Braunau gleich zu tun. Doch keine Angst, Dietrich Mateschitz, milliardenschwerer Gründer und Verwalter des Red-Bull-Imperiums, ist weder an Rassentrennung interessiert noch an neuem Lebensraum im Osten. Sein Ehrgeiz beschränkt sich auf die Welt der Wirtschaft. Auf Gewinn-, Rendite- und Cashflow-Maximierung. Ziele also, die man bequem ohne Raketenwerfer, Abfangjäger und U-Boot-Flotte erreichen kann. Von derlei Waffen hält Marketing-Experte Mateschitz ohnehin nur wenig. Er vertraut allein der Kraft kleiner silberblauer Getränkedosen mit einem roten Bullen als Erkennungszeichen. Fast 2,5 Milliarden Stück wurden davon im vergangenen Jahr weltweit verkauft. Inhalt der begehrten Designerbüchsen: ein klebriger Zaubertrank, der angeblich sogar hilft, die Schwerkraft zu überwinden. Am meisten beflügelt er wohl aber den Kontostand und die Phantasie seines Erfinders. Erst nationale Ehren, dann einen dauerhaften Platz in der Champions League, so sieht beispielsweise Mateschitz’ Geschäftsplan für den Erstligisten Red Bull Salzburg aus.

Vor gerade einmal elf Monaten gegründet, strebt der Verein bereits mit Macht in Europas Eliteklasse. „Sind wir einmal regelmäßiger Champions-League-Teilnehmer, können wir vielleicht der österreichische PSV Eindhoven werden. Oder wie Werder Bremen“, bekräftigt Kurt Jara die ambitionierten Vorgaben aus der Chefetage. Der Bullen-Trainer weiß: Wenn sich Mateschitz etwas vorgenommen hat, entwickelt er die Wucht und Feuerkraft zweier Panzerdivisionen. Dann ist es besser, in Deckung zu gehen und zu warten, bis der Sturm vorüber ist. Niederlage – diesen Begriff hat der Inhaber einer Baufirma, zweier Formel-1-Rennställe, mehrerer Luxushotels, Gourmet-Restaurants und Golfplätze sowie der Fidschi-Insel Laucala längst aus seinem Wörterbuch gestrichen. Wo Mateschitz ist, ist auch Erfolg. Seit Jahren führt sein Weg nur in eine Richtung: steil nach oben. Keine guten Aussichten also für die kickende Konkurrenz in Österreichs Bundesliga. Schon befürchtet so mancher, die Red Bulls könnten zum zweiten FC Chelsea werden. Und Rudolf Edlinger, Präsident von Rapid Wien, wettert vehement gegen „die pappige Art der Gstopften.“ Kein Wunder, kauften ihm die Emporkömmlinge aus der Mozartstadt doch in der Winterpause mit Andreas Ivanschitz den besten Spieler aus dem Kader. Red Bull Salzburg – das neue Feindbild zwischen Bodensee und Burgenland. Selbstbewusst bis zur Arroganz und vollgestopft mit Mateschitz’ Millionen.

Doch wirtschaftliche Macht ist nur die eine Seite der Medaille. Beim Geschäftsmodell à la Mateschitz geht es auch um Kultur. Vor allem um die auf den Rängen. „Wir wollen ein Stadion haben, in dem sich die ganze Familie wohlfühlt. Jeder soll sich hier ohne Angst vor Gewalt frei bewegen und Spaß haben können“, beschreibt Geschäftsführer Kurt Wiebach die Strategie. Ein Blick auf die Tribünen zeigt: Der Plan geht auf. Rund 20 Prozent der Zuschauer sind Frauen. Der Kinderanteil ist sogar noch deutlich größer. Doch der Familiensinn der Salzburger hat auch einen Haken. Vier- bis Siebenjährige können nun einmal nicht 90 Minuten ruhig sitzen – geschweige denn das Geschehen auf dem Spielfeld konzentriert verfolgen. Und so herrscht auf manchen Rängen ein ständiges Gewusel, Gewimmel und Gerenne. Ein Bienenstock ist im Vergleich dazu ein Ort der Ruhe. Und Kritiker spotten: Red Bull Salzburg – der größte Kinderhort der Liga. Sie warnen davor, dass bei Auswärtsspielen silberblaue Bobbycars die Autobahn verstopfen könnten. Im Ernst: Alles was Fußball neben attraktivem Sport an Interessantem zu bieten hat – Leidenschaft, Hingabe, Stimmung – in der hip gestylten EM-Arena sucht man es zumeist vergebens. Dafür gibt es dort den Flying-Bull-Service. Per SMS kann man sich einen Energy Drink direkt an die Sitzschale servieren lassen. Und die Damen werden am Eingang diskret darauf hingewiesen, dass sie Nagellack, Lippenstift, Parfumflakon und Batterien für den Walkman mit in den Familiensektor nehmen dürfen. Football’s comming home!

Und was bedeutet das „Modell Mateschitz“ für den Fußball in der Alpenrepublik? Eine ganze Menge – würde man nur endlich die richtigen Lehren daraus ziehen. Angesichts einer Pleitenserie teils beängstigender Dimension – 0:1 gegen die Färöer (1990), 0:5 gegen Israel (1999), 0:9 gegen Spanien (1999), 0:5 gegen die Türkei (2001), 0:4 gegen Tschechien (2003), 0:2 gegen Kanada (2006) – müssen radikale Lösungen her. Deshalb: Sofortige Umbenennung der Nationalmannschaft in Red Bull Austria, Ersatz des Bundesadlers durch den Bundesbullen, Streichen sämtlicher Energy Drinks von der FIFA-Doping-Liste. An Mateschitz’ silberblauen Dosen könnte ganz Österreich genesen – zumindest was den Fußball betrifft.


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