Nicht-ohne-meinen-Ball.de
Banner
Home | Aktuell | Profil | Spielberichte | Fußball in ... | Kreisliga | Fotogalerie | Links | Impressum | Suche
Fußball in Island

Der gute Mensch von Vestmannaeyjar

Fußball in... IslandVestmannaeyjar. Ist der Kapitalismus am Ende? Gehören alle Manager in den Knast? Wie hoch wird die Arbeitslosenquote steigen? Die Fragen für das Sommerloch waren bereits formuliert, als ein Spielertransfer alles durcheinander brachte. Cristiano Ronaldo, der Welt teuerster Zeitarbeiter, gab der Debatte über Anstand, Gier und Größenwahn eine neue Richtung. Doch ist diese Auseinandersetzung überhaupt nötig? Ein kurzer Blick nach Island genügt, um das Wertesystem neu zu justieren.


Es war kalt. Viel kälter als er es sich vorgestellt hatte. Ende April lag auf den Bergen am Horizont immer noch dieses komische weiße Pulver. Wie nannten es die Einheimischen doch? Snjór – Schnee. Aus der Ferne konnte er sehen, wie es der Wind packte, aufwirbelte und die Hänge von Eyjafjöll und Skógaheithi entlang scheuchte. Immer und immer wieder. Der Himmel war dabei so dunkel, die Wolken kamen so bedrohlich nahe, dass er befürchtete, Gott hätte ihn verlassen. Also konzentrierte er sich, atmete tief durch und faltete kurz die Hände. „How great, how great is our God. He wraps himself in light and darkness tries to hide.” Jetzt fühlte sich Andrew Mwesigwa besser. Er wusste: Er war nicht allein. Er würde es schaffen. Er würde sich in Island behaupten. Er würde gut Fußball spielen. Sein Verein würde mit ihm zufrieden sein, und schon in einem halben Jahr, im September, würde er seine Familie in Uganda wieder sehen.

Es war unbeschreiblich. Nirgendwo, auch nicht im altehrwürdigen Estadio Santiago Bernabéu, hatte es Vergleichbares je zuvor gegeben. Die Ränge gerammelt voll, die Luft elektrisch geladen, die Menschen euphorisch. Geschätzte 80.000 waren an diesem Montagabend gekommen. Nicht um ein Spiel, sondern um ihn zu sehen. „Ihr seid Teil einer unaufhaltsamen Kraft der Hoffnungen und Träume.“ War es Gott, der zu der Menge sprach? Fast kam es ihm so vor. Aber diese Rolle war längst besetzt. Er selbst ist es doch, der erschienen ist, um die Massen zu erlösen. Er wird Zweifel und Trauer von ihnen nehmen. Er wird den Schmerz vertreiben. Seinen Namen rufen sie, sein Gewand wollen sie berühren. Ihn, den teuersten Kicker der Welt, wollen sie verehren. Ihn allein wollen sie lobpreisen und bewundern. In diesem Moment muss Cristiano Ronaldo gespürt haben, dass er seinem Ziel ziemlich nahe war.

Andrew Mwesigwa ist stolz. Er hat es tatsächlich geschafft. Der Vertrag mit IB Vestmannaeyjar in der Pepsi-Deildin, der höchsten Spielklasse im isländischen Fußball, beschert dem ugandischen Nationalspieler stattliche 3.000 Dollar im Monat, umgerechnet ca. 2.200 Euro. Beim Serienmeister SC Villa Kampala in seiner Heimat waren es lediglich 400 Dollar – wenn sie denn ausgezahlt wurden. Dazu kommen Punktprämien, ein chicer Toyota Auris und ein kleines Appartement. In seiner dritten Saison für IB Vestmannaeyjar hat er Frau und Kind nachgeholt. Eine glückliche afrikanische Gemeinde auf einer isländischen Vulkaninsel im Nordatlantik. Eine Idylle, fast zu kitschig um wahr zu sein.

1.800.000 ist die Zahl, die den Fußball in diesen Tagen in eine neue unwirkliche Dimension hebt. Diese Summe entspricht dem monatlichen Regelsatz von 5.128 Hartz-IV-Empfängern, und so viele Euro kassiert Real Madrids teuerster Mitarbeiter an jedem Monatsende – netto wohlgemerkt. Für Anhänger der Rechenspiele: Das sind 414.000 Euro in der Woche, 60.000 Euro am Tag, 2.500 Euro stündlich – rund um die Uhr, Tag und Nacht. Doch damit nicht genug. Inklusive der Werbeeinnahmen kommt der smarte Portugiese auf deutlich höhere Einnahmen. So sollen ihm die Kontrakte mit dem Sportartikel-Multi Nike, dem Schmieröl-Spezialisten Castrol und dem eigenen Modelabel CR7 zusätzlich rund 10 Millionen Euro jährlich in die Kasse spülen. Genug Geld, um in der Madrider Innenstadt nach einem standesgemäßen 500-qm-Penthouse mit Pool und Verstärkung für die private Fahrzeugflotte der Marken Ferrari, Bugatti und Porsche zu suchen.

Als der Deal zwischen Real und Ronaldo über die Ticker der Nachrichtenagenturen lief, sah es kurz so aus, als ob sich das öffentliche Gewissen regen würde. Sportfunktionäre, Repräsentanten konkurrierender Vereine, Politiker – nicht nur solche, die gerade Wahlkampf führten – meldeten sich prompt zu Wort, um den Transfer als unanständigen Menschenhandel oder Wettbewerbsverzerrung zu geißeln. Sogar die Kirche intervenierte. „Es wäre gut, sich zu fragen, ob die Summen, die Reals Präsident Florentino Perez in Zeiten der wirtschaftlichen und finanziellen Krise bezahlt, ökonomisch noch zu rechtfertigen sind“, schrieb Gaetano Vallini, Chefredakteur der Vatikan-Zeitung „Osservatore Romano“. Doch die Empörung war nur von kurzer Dauer. Schnell wurde klar: Der Fußball des 21. Jahrhunderts funktioniert nicht nur nach den Gesetzen der Marktwirtschaft, er ist Ökonomie in Perfektion. Während ganze Industrien ins Trudeln geraten, kennt die Champions League weder Rezession noch Kreditklemme. Zumindest hier gilt noch der eherne kapitalistische Grundsatz vom „Wachsen oder Weichen“. Und wer wächst – egal mit welchen Mitteln – hat den Beifall des Publikums sicher. Marketing ist stärker als Moral.

Absurd: In einer Zeit, in der Manager als unersättliche Raffzähne gelten und erregte Parlamentarier gesetzliche Obergrenzen für Gehälter, Boni und andere Sondereinkünfte fordern, steigen die Einkommen der Kickerelite kommentarlos in bislang ungeahnte Höhen – trotz täglich neuer Horrormeldungen von der Finanzfront. Mit welchem Maß wird hier gemessen? Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verantwortete in seinem bislang besten Börsenjahr 2008 eine Bilanzsumme von 612,5 Milliarden Euro und das Wohl von 78.000 Mitarbeitern. Sein damaliges Jahresgehalt: 14 Millionen Euro. Als Fußballer hätte er damit das Potenzial zum Megastar. Im wirklichen Leben ist er Deutschlands meistgehasster Angestellter.

Manchmal geht Andrew Mwesigwa nach dem Training mit seiner Familie spazieren. Was soll man auch sonst auf einer Insel machen, die gerade 5.200 Einwohner hat und kleiner ist als der Frankfurter Flughafen? Vom Gipfel des erloschenen Vulkans Helgafell genießt er den Überblick über eine beschauliche Welt, in der alles geordnet und an seinem Platz ist – genau wie in seinem Leben. Zweimal täglich kommt eine Fähre vom Festland. Ein paar Autos machen sich auf den Weg zum Hafen, eine Handvoll Touristen verliert sich am Kai. Minuten später sind sie verschwunden. Es kehrt wieder Ruhe ein, nur unterbrochen vom Geschrei der Papageientaucher. Andrew denkt daran, wie schwer es ihm anfangs gefallen ist, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Die vielen weißen Gesichter. Die merkwürdige Sprache. Und erst der Wind! In der ersten Saison hat er kein Spiel ohne Handschuhe bestritten. Mittlerweile ist alles gut. Sicher, er denkt immer noch oft an Kampala, an seine vier Brüder, die gemeinsamen Abende in den Jubilee Gardens, das Bolzen im Nakivubo Stadium und die staubigen roten Abdrücke des Balles. Aber gleich ist er zurück in seinem neuen Heim. Dann bereitet Sarah wieder Matoke zu, gewürfelte Bananen mit Tomaten, grünem Pfeffer, Reis und Rindfleisch. Und er wird dazu CDs mit Gospels von Wilson Bugembe und Judith Babirye einlegen – eine perfekte Therapie gegen Heimweh.

Gestern Manchester, heute Madrid. Vom reichsten Klub der Welt zum größten, bekanntesten und erfolgreichsten – für einen selbstverliebten Glamourboy, den nichts so sehr erregt wie sein eigenes Abbild, eine logische, konsequente und notwendige Entscheidung. Seinen ersten großen Auftritt als „Königlicher“ hatte Cristiano Ronaldo dennoch nicht auf dem Spielfeld. Ort der denkwürdigen Show war der Nightclub „My House“, 7080 Hollywood Boulevard, Los Angeles. Umgeben von edlem Hochglanz-Interieur und dazu passenden Damen der Higher Society – Motto: dress to impress – amüsierte sich der Latin Lover mit Partygirl Paris Hilton. Die Schöne und der Schönste. Ergebnisse der intimen Sause: eine Zeche in Höhe von angeblich mehr als 20.000 Dollar und die erstaunliche Erkenntnis, dass es Probleme gibt, die man weder mit Styling Gel noch mit Sit ups in den Griff bekommt. Auch der eleganteste Wetlook und die straffste Bauchmuskulatur helfen nicht beim Erwachsenwerden. So gesehen offenbart der Kurztrip nach L.A. mehr als Reals PR-Beratern lieb sein kann. Anders als die banalen Floskeln, die Ronaldo gewöhnlich in Interviews von sich gibt („Ich genieße es, reich zu sein“) macht er deutlich, dass der 24-Jährige nicht nur bei seinen doppelten Übersteigern gerne die Bodenhaftung verliert.

Cristiano Ronaldo und Andrew Mwesigwa sind Teil desselben Systems. Beide hatten große Ziele, beide wollten Geld verdienen, beide haben ihre Chance genutzt. Dennoch sind sie weit davon entfernt gleich zu sein – was nicht nur an unterschiedlichem Ballgefühl und Bekanntheitsgrad liegt. Der eine hat seine Heimat verlassen, um der Armut zu entkommen und seiner Familie ein sicheres Leben zu bieten – bescheiden, sozial, christlich geprägt. Der andere hat sich auf den Weg gemacht, um Ansehen und Reichtum zu mehren – eitel, dekadent, ohne Gewissen. Die Fragen dieses Sommers hätten daher lauten müssen: Warum haben so viele Menschen falsche Vorbilder? Was sagt das über den Zustand der Gesellschaft aus? Sind wir noch zu retten?

 
© 2007 - 2008 COCUYO Medien-Design