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Real Madrid – Borussia Dortmund 2:0

Estadio Santiago Bernabéu, 30. April 2013, 80.450 Zuschauer

Real Madrid – Borussia Dortmund 2:0

Erstaunen, Enttäuschung, Kopfschütteln – auch so kann ein Europapokal-Abend beginnen. Das soll das legendäre Bernabéu sein? Von außen erinnert das Mekka der Fußballpilger aus aller Welt an eines der hässlichsten Hertiekaufhäuser der 70er Jahre oder manch andere Bausünde jener Zeit. Erst später zeigt sich: Auch ein trostloser Betonbau kann die passende Bühne für ein packendes, dramatisches Schauspiel sein.

Lange Zeit verläuft das Spiel exakt so wie man es erwarten konnte. Auf eine rasante Anfangsphase der Madrilenen mit einigen Großchancen – Ronaldo!, Higuain!, Özil! – folgt ein mutiger Auftritt des BVB. Die Schwarzgelben zeigen die ganze Bandbreite ihrer Stärken: frühes Stören, Balleroberung im Mittelfeld, sicheres Kombinationsspiel. Nur der letzte Pass kommt nicht an. Aber das ist ebenfalls nichts Neues. Gegentor vermieden, Weidenfeller in Bestform, Hummels wieder stabil, 0:0 zur Halbzeit – die anfänglichen Zweifel der Borussen-Fans, bekämpft mit lautem Dauersupport, haben sich längst verflüchtigt.

Mit jeder Minute Spieldauer wächst die Zuversicht, den vermeintlich sicheren Vorsprung aus dem Hinspiel tatsächlich ins Ziel zu retten. Dann kommt die 83. Minute – und die verändert alles. Real hat drei neue Leute gebracht und das Tempo wieder angezogen. Leider mit Erfolg. Benzema knallt eine flache Hereingabe unhaltbar unter die Latte. Hätte sich diese Szene fünf Minuten später abgespielt, wäre sie vermutlich eine statistische Randnotiz geblieben. Doch der Konjunktiv ist eben nicht die Realität und der Führungstreffer daher das Signal für eine fulminante Schlussoffensive – von der spanischen Presse gewohnt pathetisch als „la remontada“, die Wiederauferstehung, angekündigt.

Dann geschieht das Unfassbare. 88. Minute, 2:0. Jetzt kocht das Bernabéu. Die Heimfans, 80 Minuten nicht zu hören, sind in kollektiver Ekstase. Im Gästeblock schwindet der Optimismus. Wird der BVB in zehn Minuten alles verspielen? Wird sich das Spiel komplett drehen? Das Viertelfinale gegen Malaga hat gezeigt, dass dazu mitunter drei Minuten Nachspielzeit reichen. Jetzt zeigt Schiri Webb sogar deren fünf an. Zeit genug also für den dritten Treffer, die königliche Wiedergeburt.

Real setzt nun alles auf eine Karte. Im BVB-Strafraum, direkt vor den Augen der Ultras Sur, brennt es lichterloh. Doch Weidenfeller wächst einmal mehr über sich hinaus. Noch zwei Minuten. Ein Entlastungsangriff über Großkreutz. Das bringt Zeit. Könnte es zumindest. Denn was macht Kevin? Rennt über den halben Platz bis zur Grundlinie und spielt den Ball – zum Gegner. KEVIN!!! Du blinde Kröte! Warum nicht ins Aus? Oder auf die Tribüne? Oder in hohem Bogen auf die Calle Alfonso. Aber doch nicht zum Gegner! Scheiße!

Es kommt wie es kommen muss. Der Gegenangriff läuft. Vielleicht der letzte. Irgendwer grätscht zum Glück dazwischen. Wie eine epileptische Flipperkugel springt der Ball durchs Mittelfeld. Mal hierhin, mal dorthin. Wann pfeift der Penner endlich ab? Hat der Kanisterkopf keine Uhr? Der Blutdruck steigt ins Monströse. Kollege Watzke hat sich wie nach dem Spiel bekannt wird, längst auf der Toilette verbarrikadiert. Unfähig, den nervenzerfetzenden Spielverlauf noch länger auszuhalten. Ehrlich: Ich würde ihm gerne folgen. Zu Hause wäre ich längst im Keller verschwunden. Allein mit der Uhr und meinen Leiden.

Doch auf der Tribüne gibt es kein Entrinnen. Aufgeben geht nicht, Fahnenflucht ist nicht vorgesehen. Das Herz rast, das Adrenalin pulsiert durch sämtliche Adern, die Nervenenden zucken hysterisch. Schreien, schreien, schreien – raus mit dem unmenschlichen Druck. Wie lange noch. Ich kann nicht mehr. Schlusspfiff. Aus. Durchatmen. Meine Fresse.

 


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