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Fußball in Griechenland

Absturz vom Olymp

Fußball in... GriechenlandThessaloniki. Am 24. Juli 2005 um 22.37 Uhr hielt Europa den Atem an. Eine neue Ära schien zu beginnen. Schiedsrichter Merk hatte im Lissaboner Estádio da Luz soeben das Finale der Europameisterschaft abgepfiffen, Charisteas Ronaldo zuvor die Show gestohlen, Zagorakis Figo der Lächerlichkeit preisgegeben und Griechenland völlig überraschend den Fußball-Olymp bestiegen. Die Ägäis bebte, Thessalien und Makedonien waren außer sich, in Attika kam das öffentliche Leben zum Erliegen.

Und über all dem Chaos thronte nicht etwa Göttervater Zeus, sondern König Rehakles. Ein Land stand Kopf. Bereit, die Macht zu übernehmen und sie niemals wieder herzugeben.

18 Monate später ist der Traum vorbei. Verflogen wie die Erinnerung an eine flüchtige Urlaubsaffäre. Die Bouzouki spielt nicht mehr. Der Ouzo-Rausch ist längst vergessen. Ernüchterung allerorten. Zurückgeblieben sind ein wenig Stolz und das ungute Gefühl, eine große Chance verpasst zu haben. Der Europameister hat sich nicht für die WM qualifiziert, musste der Ukraine, dem Erzfeind Türkei und sogar Dänemark den Vortritt lassen. Kaimeni Ellada – armes Griechenland. Wie konnte das passieren?

Die Antwort auf diese Frage findet man in Thessaloniki. Genauer: im Stadtteil Polihni, auf dem Trainingsgelände des Traditionsvereins PAOK. Ein Ort, dem nichts so fremd ist wie die Aura des Siegers. Verbogener Maschendraht, zerrissene Tornetze, rostige Pfosten und ein einsamer Rasenmäher bilden eine skurrile Kulisse. Wilde Hunde streunen über den Platz und verrichten im Strafraum ungestört ihr Geschäft. Ein Bild des Jammers. Europameisterschaftseuphorie? Von wegen. „Die Präsidenten geben lieber Geld für teure Spieler aus, als sich um die Nachwuchsarbeit zu kümmern“, schimpft Platzwart Adam. Und Achilleas, als Spielerberater ein intimer Kenner der Szene, setzt fluchend noch einen drauf. „Es wird jedes Jahr schlimmer. Kein Geld, keine Sponsoren, kaum noch Vereine, die ihre Spieler pünktlich bezahlen und vor allem: keiner, der die Gewalt in den Griff bekommt.“

Letzteres hat im vergangenen Jahr Lokalrivale Aris Saloniki einmal mehr leidvoll erfahren müssen. Im Derby gegen Iraklis stürmten rund 300 Hooligans den Platz, um einige Spieler des Gegners vor laufenden Kameras fachgerecht zu vertrimmen. Vorläufiger Höhepunkt der Ausschreitungen in griechischen Stadien. Selbst der nationale Fußballverband EPO, nach Krawallen bis dahin eher durch Untätigkeit aufgefallen, sah sich angesichts derartiger Szenen zum Handeln gezwungen. Sein Urteil: drei Punkte Abzug – was den Abstieg in die zweite Liga zur Folge hatte – sowie neun Spiele ohne Zuschauer.

Die regelmäßigen Gewaltausbrüche bedrohen mittlerweile den Fußball in seiner Substanz – zumal ihre Wirkung durch hohe Eintrittspreise, korrupte Schiedsrichter und schwache Leistungen der Aktiven verstärkt wird. Auf Fans wirkt das Spektakel A’Ethníkí Katígoría (1. Liga) deshalb alles andere als attraktiv. Und in die Stadien lockt es kaum noch jemand. Den Preis für fehlende Fan-Projekte sowie jahrelanges Wegschauen, Abwiegeln und Verharmlosen bezahlen somit letztlich alle Vereine. Auch die, die ihre Anhänger halbwegs unter Kontrolle haben. So erschienen jüngst zur Partie Akratitos Athen – Skoda Xanthi beschämende 26 Zuschauer. Minusrekord in Griechenland und vermutlich weit darüber hinaus. Profifußball im engsten Familienkreis.

Dem desolaten Zustand der Liga entspricht, dass die Vereine auf europäischer Bühne so erfolglos sind wie lange nicht. Olympiakos Piräus, Panathinaikos Athen, AEK Athen, PAOK Saloniki, AO Aigaleo – allesamt gescheitert, ausgeschieden und abserviert. Einfach tragisch. Wie jede griechische Tragödie seit der Antike hat natürlich auch das Stück „Absturz vom Olymp“ seinen Hauptdarsteller. Es ist Theodoros Zagorakis, der Kapitän der Nationalmannschaft. In Portugal noch zum besten Spieler des Turniers gewählt, ist der einst umjubelte Star mittlerweile bei PAOK Saloniki nur noch Mitläufer in einem mittelmäßigen Team. So trat er jüngst beim Derby gegen Apollon Kalamaria nur einmal in Erscheinung: durch ein Eigentor in der fünften Minute. Auch dieses Detail passt zum Niedergang des griechischen Fußballs.


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